Das Mittelalterleben

Das mittelalterliche Dorf

Im Frühmittelalter entstanden die Dörfer entweder durch freibäuerliche Zusammenschlüsse oder durch herrschaftliche Gründungen um Gutshöfe. Ortsnamen wie -seli, -sal, -heim, -hausen, -hofen, -dorf, -stat oder -wilare weisen auf solche herrschaftlichen Gründungen hin. Im Hoch- und Spätmittelalter wurden schließlich nicht nur Städte, sondern auch viele Dörfer von den adligen Herren planmäßig angelegt.

Es lebten von den etwa 12 Millionen Menschen im deutschen Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gegen Ende des 14. Jhs. 85 - 95% auf dem Lande und zwar entweder auf Einzelhöfen oder in Dörfern.

Die Einzelhöfe, die besonders häufig in Nordwestdeutschland, Bayern, Schwaben, im Alpenraum, im Schwarzwald, im Odenwald und in der Oberpalz vorkamen, lagen oft kilometerweit vom nächsten Nachbarn entfernt inmitten ihres dazugehörigen Grundbesitzes.

Die Dörfer dagegen setzten sich aus mehreren Hofstätten zusammen und stellten mehr oder minder geschlossene Siedlungseinheiten dar, die für ihre Bewohner zu einer Lebens-, Wirtschafts- und Gerichtsgemeinschaft wurden.

In der Karolingerzeit sollen in den Altsiedelgebieten schon größere Dörfer mit 20 - 30 Hofstätten und 200 - 300 Einwohnern existiert haben. Im Durchschnitt aber wiesen die Dörfer im Hochmittelalter nicht mehr als 10 - 12 Höfe mit ungefähr 70 Einwohnern auf.

Als bekannteste Dorfformen müssen Reihendorf, Straßendorf, Angerdorf, Rundling und Haufendorf genannt werden.

In den Reihendörfern befinden sich die Hofstätten im Abstand von ungefähr 100 m ein- oder doppelzeilig an einer Straße, einem Bach oder einem Deich aufgereiht. Das zu einem Gehöft gehörige Ackerland liegt direkt hinter der Hofstätte und ist nicht über die Gemarkung verteilt. Gemarkung oder Mark wird, nebenbei bemerkt, der gesamte Wirtschafts- und Rechtsbereich einer Siedlung mit sämtlichen Häusern und Höfen, dem Ackerland, den Wiesen und den Weiden, Plätzen, Wegen und Brücken, dem Wald, der Heide, dem Ödland und dem Gewässer bezeichnet. Im Reihendorf wirtschaftet jeder Bauer ganz individuell. Es gibt keinen Flurzwang und z.T. auch keine Allmende. Zu diesen Reihendörfern zählen die Hagenhufen-, Waldhufen- und Marschhufendörfer.

Die Straßendörfer gleichen optisch den Reihendörfern. Auch hier liegen die Hofstätten zu beiden Seiten einer Straße aufgereiht. Die dazugehörigen Felder sind jedoch in der ganzen Gemarkung verstreut, was den Flurzwang zur Folge hat. Straßendörfer wurden im 11. - 13. Jh. besonders in Ost- und Ostmitteldeutschland angelegt.

Im Angerdorf, eine ebenfalls häufige Dorfform in Ost- und Ostmitteldeutschland, gruppieren sich die Gehöfte um einen meist langgestreckten, ovalen Dorfplatz, den Anger. Die Felder liegen wie bei den Straßendörfern über die ganze Gemarkung verteilt.

Bei den Rundlingen, die im Mittelalter im Hannoverschen Wendland, im westlichen Mecklenburg, in der Mark Brandenburg und in den obersächsischen Altsiedellandschaften zu finden waren, handelt es sich meistens um eine kleine Dorfform, bei der sich wenige Hofstätten um einen freien Platz gruppieren.

Die am häufigsten auftretende mittelalterliche Dorfform aber war das Haufendorf, das sich schon im 8./9. Jh. urkundlich bezeugen läßt. Ortsnamen auf -mar, -lar, -aha, -ingen, -leben und -stedt weisen auf ein ehemaliges Haufendorf hin. Der Grundriß dieser Dorfform ist im Gegensatz zu den vorhergenannten Dörfern unregelmäßig. Denn die Hofstätten wurden planlos um einen Teich oder Platz angeordnet.

Im Prinzip konnte man jedes Haufendorf in drei Bereiche gliedern: den Dorfkern, die Ackerflur und die Allmende.

Im Zentrum des Haufendorfes befanden sich die bäuerlichen Hofstätten mit ihren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden in einem mehr oder weniger planlos angelegten Gassennetz. In unmittelbarer Nähe der umzäunten Hofstätten waren die ebenfalls umzäunten Gärten.

Rings um das Dorf erstreckte sich das Ackerland, das in große Feldblöcke, Gewanne genannt, eingeteilt wurde. Diese Blöcke waren wiederum in kleine Streifen oder Parzellen untergliedert. Jeder Bauer des Dorfes besaß ein oder mehrere Parzellen in jedem Block, zu denen jedoch im allgemeinen keine Feldwege führten. Man konnte sein Stückchen Land nur über die Felder der Nachbarn hinweg erreichen. So mußte für alle Bauern eines Dorfes durch eine strenge Flurordnung (Flurzwang) die Zeit des Säens und des Erntens genau festgelegt werden. Nach der Ernte wurde das gesamte Ackerland als gemeinsame Stoppelwiese für das Dorfvieh benutzt. Und wehe dem Bauern, der den angesetzten Erntetermin versäumt hatte. Er konnte nur zusehen, wie das aufgetriebene Vieh sein nicht geerntetes Getreide zertrampelte und auffraß. Zwischen den Ackerflächen lagen z.T. noch an den Flüssen und Bächen Wiesenländer, die von den einzelnen Hofbauern individuell bewirtschaftet werden durften.

Jenseits dieses Acker- und Wiesengürtels erstreckte sich die Allmende oder gemeine Mark, die von den Bauern gemeinschaftlich genutzt wurde. Im Mittelalter galt die Regel, daß man, je größer der Hof war, um so mehr Allmendnutzungsrechte besaß.

Zur Allmende zählten die Wälder, Wiesen, Heideflächen, Moor- und Wassergebiete. Die Allmendnutzung war damals sehr vielfältig. Der Wald z.B. war nicht nur zur Gewinnung von Bauholz und Brennholz wichtig. Aus ihm wurden auch Beeren und Pilze zur Erweiterung des Speiseplans gesammelt. Im Herbst trieb man die Schweine unter der Aufsicht eines Dorfhirten zur Eichelmast in die Wälder. Im Winter sammelte man hier Laub als Streu für die Viehställe. Honig gewann man durch die Waldbienenzucht. Ursprünglich waren den Bauern in der Allmende auch das Jagen und Fischen erlaubt. Aber im Laufe des Mittelalters wurden der ländlichen Bevölkerung diese Rechte durch die Grundherren genommen. In der zweiten Hälfte des 15. Jhs. durften einige Bauern in den Flüssen und Seen der Allmende nicht mehr fischen, ihr Vieh dort nicht mehr tränken und mit dem Wasser nicht mehr die Wiesen bewässern. Wer in Hungersnöten trotzdem wagte, zu angeln, mußte damit rechnen, daß ihm beim Ertapptwerden die Augen ausgestochen wurden.

Die Grenzen der Gemarkung wurden, falls nicht bestimmte Höhenzüge oder Flüsse zur Verfügung standen, durch Grenzsteine und markierte Bäume kenntlich gemacht. Die Grenze und die Grenzzeichen galten als unverletzlich, und Grenzfrevel wurde hart bestraft.

Die Dorfbewohner waren von Beruf meistens Bauern, die entweder auf geliehenem oder auf eigenem Land lebten. Als vollberechtigte Mitglieder der Dorfgemeinschaft durften sie zudem Gemeindeämter besetzen oder als Dorfschöffen am Dorfgericht mitwirken. Außerdem verfügten sie über ein uneingeschränktes Allmendnutzungsrecht.

Aber Bauer war nicht gleich Bauer! Streng wurde zwischen den Pferde- und den Kuhbauern unterschieden, d.h. zwischen denen, die sich Pferde leisten konnten und denen, die nur über Kühe verfügten, die sie zum Eggen und Pflügen ihrer Felder benötigten. Die Gemeindevorsteher waren alle durchweg "Pferdebauern". Oft war der reichste Bauer im Dorf auch der Dorfvorsteher oder Schulze, der die Gemeindeversammlungen einberief, die Gemeinde verwaltete und den Vorsitz im niederen Dorfgericht führte.

Neben den Bauern gab es in der Dorfgemeinschaft noch die Häusler, die in ihren armseligen Behausungen am Dorfrand lebten und die ihren Lebensunterhalt durch Tagelöhnerei oder als Handwerker bei den reichen Bauern verdienten. Da nur wenige von ihnen im Besitze eines kleinen Hofes mit einer winzigen Parzelle Acker- und Wiesenland waren, besaßen die meisten Häusler keine Rechte an der Allmendnutzung. Als Dorfgenossen waren sie in der Gemeindeversammlung jedoch stimmberechtigt.

 

Die "Geschichte" der Bauern

"Die Welt des Mittelalters ist eine aristokratische Welt. Staat und Gesellschaft werden vom Adel beherrscht. Eine Anzahl großer Familien... gebietet über Land und Leute... Die Taten und Untaten dieser weltlich-geistlichen Aristokratie machen die Geschichte jener Jahrhunderte aus, mit ihnen füllen die Chronisten der Zeit die Blätter ihrer Bücher. Von anderen Leuten ist nichts zu vermelden. Das Volk auf dem Land ist zum größten Teil abhängig, unfrei in mannigfaltigen Abstufungen. Es hat zu gehorchen, zu arbeiten und Abgaben zu entrichten. Zu sagen hat es nichts. Es hat im Grunde keine Geschichte." (in: H. Dannenbauer, Adel, Burg und Herrschaft bei den Germanen (1941), in: H. Kämpf, Herrschaft und Staat im Mittelalter, 1956, S. 66f)

Aber trotzdem können wir doch einiges über das Leben der Bauern berichten. Zur Zeit Karls des Großen gab es noch viele wehrpflichtige, freie Bauern, die das Recht hatten, Waffen zu tragen, und die Pflicht, Steuern zu zahlen und an den Kriegen teilzunehmen. Um der unter Karl dem Großen zur Belastung werdenden Kriegspflicht zu entgehen, hatten sich jedoch viele Bauern in die Abhängigkeit eines Adligen oder Geistlichen begeben. In anderen deutschen Gebieten wurden viele Höfe durch die Realteilung, in der sämtliche Kinder mit einem Stückchen Land ihres Vaters beerbt wurden, so klein und unrentabel, daß deren Besitzer im Laufe der Zeit ebenfalls in die Abhängigkeit eines adligen oder geistlichen Herrn gerieten. So wurden die freien Bauern im 8. - 11. Jh. immer mehr zu einer Randgruppe. Nur im Alpengebiet, in Westfalen und im Osten konnten sie sich länger halten.

Die Grundherrschaft, dieser Begriff wird erst im 16. Jh. verwendet, entstand und entfaltete sich vom 6. - 9. Jh. und wurde gerade im Frankenreich zu einem Herrschafts- und Wirtschaftssystem eigener Art. Ihre Wurzeln sind sowohl in der römischen Geschichte (Latifundienwirtschaft, Kolonat) als auch in der germanischen Geschichte (Gefolgschaftswesen, freie Bauern mit unfreien Knechten und Mägden) zu finden.

Träger der Grundherrschaften waren König, Kirche und Adel. Auf ihrem Grund und Boden gab es zwei unterschiedliche Wirtschaftsbereiche: das Salland oder Herrenland und das Leihe- oder Hufenland.

Das Salland wurde im Eigenbetrieb mit Hilfe der am Hofe ansässigen Unfreien und der zu besonderen Diensten verpflichteten, abhängigen Bauern bearbeitet. Im Zentrum des Sallandes befand sich der Herren-, Sal- oder Fronhof, auf dem schon zu Zeiten Karls des Großen die Grundherren selbst oder ihre Meier in ihren Herrenhäusern lebten. Scheunen, Ställe, Küchen, Back- und Brauhäuser, Keltern, Mühlen und Wohnhäuser für das Gesinde umgaben die zum größten Teil steinernen Bauten der Herren. Auch handwerklich ausgebildete Männer arbeiteten hier als Schmiede, Schuster, Wagner oder Sattler. In sogenannten "Frauenarbeitshäusern" mußten Mägde tagsüber als Spinnerinnen und Weberinnen Tuche herstellen, während die Grundherrn sich in ihren Gärten und an ihren Fischteichen ihres angenehmen Lebens erfreuen durften.

Im 8. Jh. wurden diese Herrenhöfe durch einen festen Zaun, selten durch eine Mauer von den zum Salland gehörigen Ackerflächen, Wiesen, Gärten, Wäldern, Weinbergen, Mühlen und Gewässern getrennt.

Die unbehausten Unfreien, die als Gesinde im gutsherrlichen Hause dienten, waren der Verfügungsgewalt des Herrn am stärksten unterworfen. Der Herr konnte sie schon als Kinder beliebig einsetzen: im Haus, in den Ställen, in den Werkstätten, in den Backstuben, in den Waschräumen, in den Küchen und zum Pferdebewachen. Erwachsene Knechte mußten als Kuriere, Kellermeister, Zöllner oder Förster dienen oder auf dem Salland oder Herrenhof wie die Mägde arbeiten. Als Gesinde besaßen sie keine Freizügigkeit und bis ins 6. Jh. hinein kein Recht zur Eheschließung.

Gregor von Tours (538/539 - 594) berichtet über einen üblen Grundherrn mit dem Namen Rauching, der die unerlaubte Ehe zweier seiner Unfreien sadistisch bestrafte:
"Er (Rauching) habe unter seinen Leuten damals einen Mann und ein Mädchen gehabt, die, wie dies häufig vorkommt, sich ineinander verliebt hatten. Und als sich ihr Liebesverhältnis schon zwei Jahre oder noch länger hingezogen hatte, verbanden sie sich und flüchteten zusammen in eine Kirche. Da dies Rauching erfuhr, ging er zum Priester des Ortes und verlangte, es sollten ihm seine Leute sofort wiedergegeben werden, er habe ihnen ihre Schuld verziehen. Darauf sprach der Priester zu ihm: Du weißt, welche Ehrerbietung man der Kirche Gottes weihen muß; du wirst sie also nicht zurückerhalten können, wenn du nicht dein Wort gibst, daß du ihre Verbindung bestehen läßt und überdies versprichst, sie ohne alle körperliche Strafe zu lassen. Nachdem aber jener lange unschlüssig in seinen Gedanken geschwiegen hatte, wandte er sich zu dem Priester, legte die Hände auf den Altar und schwor: Niemals sollen sie durch mich getrennt werden, sondern ich will vielmehr dafür sorgen, daß sie verbunden bleiben, denn obwohl ich es ungern sah, daß sie ohne Bewilligung von meiner Seite dies taten, ist mir doch ganz recht, daß mein Sklave nicht eines andern Sklavin und sie nicht eines anderen Sklaven genommen hat. Arglos glaubte der Priester dem Versprechen des hinterlistigen Mannes und gab ihm die Leute unter der Bedingung der Straflosigkeit heraus. Nachdem jener sie aber erhalten hatte, dankte er und ging nach Hause. Und sogleich ließ er einen Baum schlagen, die Äste abhauen, den Stamm an den Enden durch einen Keil spalten und aushöhlen, darauf drei oder vier Fuß tief die Erde ausgraben und den Kasten in die Grube senken. Darauf ließ er das Mädchen hineinlegen gleich wie eine Tote, und den Sklaven oben darauf, schloß den Deckel, füllte die Grube wieder mit Erde und begrub sie so lebendig. Ich habe meinen Schwur, sagte er dabei, nicht verletzt, daß sie in Ewigkeit nicht getrennt werden sollen. Als dies dem Priester gemeldet wurde, lief er eilig herbei; und indem er den Menschen schalt, brachte er es mit Mühe dahin, daß sie wieder aufgedeckt wurden. Den Sklaven freilich zog man noch lebendig heraus, das Mädchen fand man aber schon erstickt." (in: Edith Ennen, ebenda, S. 86)

Die Unfreien konnten verkauft, getauscht oder verschenkt werden. Im 8. Jh. durften z.B. unfreie Ehepartner noch getrennt verkauft werden. Jedoch hatte der Grundherr für den Lebensunterhalt und die Alterssicherung seines Gesindes zu sorgen.

Besser gestellt waren da schon die behausten Knechte, die ihre eigenen Hütten im Bereiche des Herrenhofes besaßen. Sie durften kleinere Rechtsgeschäfte selbständig und größere mit Zustimmung des Herrn tätigen. Dafür mußten sie wie die anderen vom Grundherrn abhängigen Bauern bestimmte Frondienste und bestimmte Zinsen und Abgaben leisten. Die unbehausten und behausten Knechte und Mägde machten auf dem Herrenhof Friemersheim, das zum Reichskloster Werden gehörte, um das Jahr 900 25% der in dieser Grundherrschaft lebenden Bewohner aus.

Die Grundherrschaft läßt sich übrigens als die Verfügungsgewalt über Grund und Boden und das Herrschaftsrecht über Bauern, die auf diesem Grund und Boden sitzen und den Boden bearbeiten, definieren.

Das Leihe- oder Hufenland, der zweite, meist größere Wirtschaftsbereich des Grundherrn, wurde gegen festgesetzte Leistungen an Hörige, d.h. vom Grundherrn abhängige Bauern, vergeben. Es waren aber auch Grundherrschaften ohne Hufenland oder ohne Sallandbetrieb vorhanden. Überdies wurde ein Teil des Großgrundbesitzes als Lehen an Adlige oder Ministeriale verliehen.

Wie groß waren nun solche Großgrundbesitze?

Laut einem Aachener Konzil von 816 gehörte erst ein Besitz von mehr als 3 000 Hufen zu dieser Kategorie. Das Kloster St. Germain-des-Prés besaß um 820 4 700 ha Salland und 1 150 Hufen.

Als Hufe wird seit dem 8. Jh. die bäuerliche Wirtschaftseinheit aus Haus, Hof, Acker- und Wiesenland und Allmendnutzungsrechten bezeichnet. Dienste und Abgaben lasteten auf der Hufe, nicht auf der Person des Bauern. Bereits gegen Ende des 8. Jhs. war die Hufe auch zu einer Maßeinheit geworden, allerdings regional von unterschiedlicher Größe. Am häufigsten scheint man mit 30 Morgen pro Hufe gerechnet zu haben. Aber es werden auch 16, 36 und 40 Morgen genannt. Eine Königshufe betrug sogar 120 - 160 Morgen. Aber selbst die Maßeinheit Morgen war regional sehr verschieden.

Die unfreien Hufenbauern oder Hörigen waren in den Grundherrschaften zahlenmäßig am stärksten vertreten. Sie hatten ihren Grundherren für die Nutzung von Grund und Boden regelmäßig bestimmte Erträge von ihrer Getreideernte und an Gemüse, Eiern, Butter, Käse, aber auch an Geflügel, Schweinen, Schafen oder Rindern, Holz, Leinentüchern und -hemden einen Grundzins zu entrichten und mußten in der Regel an drei Tagen in der Woche sogenannte Frondienste leisten, d.h. auf dem Herrenhof oder auf dem Salland arbeiten.

Zu den Frondiensten zählte nicht nur die gesamte Feldbestellung wie Pflügen, Säen, Mähen, Dreschen, Ernteeinfahren, Bewachen der Ernte, Mahlen, Backen, sondern auch das Viehhüten, das Zäuneerrichten, das Besorgen von Bau- und Brennholz, die Leistung von Botengängen und Fuhrdiensten, das Bauen von Straßen und Brücken. Zusätzlich hatten die Frauen der Hufenbauern noch spezielle Spinn-, Web- und Wascharbeiten zu verrichten.

In der Grundherrschaft hatte die Arbeit auf dem Herrenhof und Salland grundsätzlich Vorrang vor allem anderen. Bei vielen Herren herrschte immerhin der Brauch, die frönenden Bauern mit Speise und Trank zu versorgen.

Die wenigen freien Bauern in einer Grundherrschaft hatten dagegen nur in der Zeit der Aussaat und der Ernte zu helfen.

Neben den genannten Frondiensten mußten bestimmte Abgaben und Zinsen geleistet werden. Jeder Hof war nämlich außer mit dem Grundzins noch mit dem Zehnt belastet. Die Zehntpflicht wurde in der zweiten Hälfte des 8. Jhs. gesetzlich im fränkischen Reich eingeführt. Sie stellt eine Ertragsquote in der Höhe des zehnten Teiles der Getreideernte dar. Neben diesem "großen Zehnt" gab es aber noch den "kleinen Zehnt", der von Obst und Gemüse gefordert wurde, und den "Fleisch- oder Blutzehnt", der auf Schlachtvieh erhoben wurde. Die einzelnen Abgaben waren zu festen Terminen fällig. Laut des Sachsenspiegels hatte man zu Walpurgis (1.5.) den Lämmerzehnt zu leisten, zu St. Urban (25.5.) den Zehnt von Früchten aus den Obst- und Weingärten, am Johannistag (24.6.) den Fleischzehnt, am St. Margarethentag (13.7.) den Getreidezehnt, an Mariä Himmelfahrt (15.8.) den Gänsezehnt, am St. Bartholomäustag (24.8.) den Zehnt auf Mehl, Eier etc.

Aus dem Güterverzeichnis des Klosters Prüm in der Eifel erfährt man etwas über die Abgaben und Frondienste, die ein Hufenbauer im Hof Rommersheim im Jahre 893 zu leisten hatte. An Abgaben wurden ein Schwein im Wert von 20 Pfennigen, ein Pfund Flachs, drei Hühner und 18 Eier gefordert. Außerdem mußte der Hörige je eine halbe Fuhre Wein im Mai und im Oktober, fünf Fuhren Mist, fünf Bündel Baumrinde und 12 Fuhren Holz liefern und auf dem Herrenhof beim Backen und Brauen helfen, die Scheunen bewachen und die Beete im Garten pflegen. Dann hatte er noch 50 Bretter oder 100 Schindeln für ein Kirchendach zum Kloster zu transportieren und eine Woche lang Schweine im Wald zu hüten. Zusätzlich war er verpflichtet, an drei Tagen in der Woche drei Morgen Salland zu bearbeiten, Saatfelder und Weiden einzuzäunen, und aus Holler, einem Dorf 40 km von Rommersheim entfernt, fünf Scheffel Getreide zu holen. Seine Frau hatte noch Hosen für die Herrschaften zu nähen. Kam der Abt von Prüm höchstpersönlich nach Rommersheim, mußte der Hufenbauer zusammen mit den anderen 29 Bauern des Hofes vier Ochsen und einen Karren für Transporte bereitstellen. (in: Rolf Toman, Das hohe Mittelalter, Besichtigung einer fernen Zeit, Köln 1988, S. 68)

Aber das waren noch nicht alle Verpflichtungen der Hörigen! Sie hatten auch noch den Weidezins, das Laudemium, das Mortuarium, den Kopfzins, die Heiratsgebühr und eventuell den Wachszins zu entrichten.
Den Kopfzins mußten Frauen wie Männer leisten.
Der Weidezins wurde für die Benutzung grundherrlicher Wälder und Weideflächen erhoben.
Die Wachszinsigkeit bestand in der Abgabe von Wachskerzen an die grundherrliche Kirche.
Das Laudemium war eine Besitzwechselabgabe. Der abziehende Bauer hatte ein "Abfahrtsgeld" zu entrichten, der neue Hofinhaber ein "Auffahrtsgeld".

Für die Erlaubnis einer Eheschließung war eine Heiratsgebühr zu zahlen.

Das Mortuarium mußte dem Grundherrn im Falle des Todes des Hörigen oder seiner Frau entrichtet werden. Ursprünglich hatte der Herr den Anspruch auf den gesamten Nachlaß seiner toten Unfreien, doch im Laufe der Zeit wurde sein Anteil auf das "Besthaupt" und "Bestkleid" reduziert. Nach dem Tode eines männlichen Hörigen hatten dessen Nachkommen das beste Stück Vieh (Besthaupt) dem Grundherrn zu überreichen, im Falle des Todes der Frau das beste Gewand (Bestkleid). Häufig konnten die Erben im Spätmittelalter ihre Pflichten diesbezüglich auch durch Geldzahlungen ablösen.

Aber das war noch nicht alles, was die Hörigen ihren Grundherren übergeben oder bezahlen mußten! So hatten sie zudem noch Gebühren für das herrschaftliche Gericht und für die Benutzung der herrschaftlichen Mühle, des Backofens und der Kelter zu entrichten. Für die Schweinemast und für das Holzfällen im herrschaftlichen Wald und für die Benutzung des herrschaftlichen Ebers zur Schweinezucht hatte der kleine Mann ebenfalls zu zahlen. War der Grundherr auch noch der Eigenkirchenherr, mußte ihm zudem der Kirchenzehnt übergeben werden. In kritischen Zeiten besaß der Herr außerdem das Recht, die Bede, eine Sondersteuer, zu erheben.

Erleichterungen bei der Abgabepflicht, Befreiungen von dem Frondienst und größere Brennholzzuteilungen gab es unter anderem für den Hörigen, dessen Frau schwanger war oder vor kurzem ein Kind geboren hatte. In solchen Fällen begnügte sich der herrschaftliche Abgabeneintreiber z.B. bei der Hühnerabgabe mit dem Kopf des Huhnes und ließ das übrige der Familie.

Der Grundherr hatte schließlich die Pflicht, für seine Leute zu sorgen. Die Hörigen konnten von ihm erwarten, in wirtschaftlichen Notlagen einen Erlaß oder eine Verringerung der Abgaben oder die Überlassung von Saatgut, Zuchtvieh oder Baumaterial zu erhalten. Außerdem hatte der Herr sie vor ungerechtfertigter Pfändung, vor Brandschatzung und Gewalt zu schützen. Erfüllte der Grundherr seine Verpflichtungen nicht, mußten seine Hörigen ihm laut des Schwabenspiegels auch nicht dienen: "Wir suhn den herren dar umbe dienen, daz si uns beschirmen. unde beschirment si uns nit, so sin wir in nit dienestes schuldig na rehte." (in: F. Lassberg, Der Schwabenspiegel nach einer Handschrift vom Jahr 1287, Tübingen 1840, S. 133)

Im Frühmittelalter wehrten sich die Bauern meistens passiv gegenüber ungerechten Forderungen ihrer Herren, indem sie z.B. ihre Arbeiten nur nachlässig erfüllten oder in eine andere Grundherrschaft flohen.

Denn rechtliche Unterstützung für ihre Beschwerden konnten sie nicht erwarten. Ihr Herr besaß schließlich über sie die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt und konnte sie jederzeit bestrafen lassen, obwohl seit dem 11. Jh. die Rechte und Pflichten der Hörigen in sogenannten Hofrechten schriftlich festgehalten wurden.

Erst in der Zeit der Kreuzzüge kam es zu einem Wandel in den Grundherrschaften. Denn die Grundherren fanden durch ihre Reisen ins heilige Land kaum noch Zeit, selbst über ihren Besitz zu wachen, und betrauten treue Hörige als Meier mit dieser Aufgabe. Außerdem waren die ritterlichen Herren immer knapp bei Kasse. Die kostbaren Rüstungen verschlangen Unsummen an Geld, das man z.B. durch die Verpachtung des Sallandes erstehen mußte. So hatten um 1200 die meisten Grundherren ihre Eigenwirtschaft längst aufgegeben und lebten von den Natural- und Geldabgaben ihrer Hörigen. Hier und da versuchten sie zwar noch mehr aus ihren Bauern herauszupressen. Diese aber flüchteten daraufhin in die aufstrebenden Städte oder nahmen an einem Rodungsprojekt im Osten oder Norden des Reiches teil. Um nämlich Freiwillige für die harten Landerschließungsarbeiten zu gewinnen, mußten die Herren im Osten, in den ostelbischen Gebieten, in den polnischen, böhmischen und ungarischen Ländern, die Siedler mit Freiheitsprivilegien wie persönlicher Freizügigkeit, größerer wirtschaftlicher Eigenverantwortung, niedrigen Zinsforderungen, Befreiung von allen bedrückenden Arbeitsverpflichtungen, Wegfall des Mortuariums und der Heiratsgebühr, größerer Autonomie in Gemeindeangelegenheiten, z.B. Wahl des eigenen Dorfrichters, und günstigen Besitzrechten wie der erblichen Zinsleihe für sich gewinnen.

Die Grundherren im Westen versuchten, die Abwanderung ihrer Hörigen in die Städte oder in den Osten zu verhindern, indem sie ebenfalls die Abgaben und Dienste reduzierten. Somit verbesserte sich die Lage der Bauern im Hochmittelalter zusehends. Vielerorts erlangte die Landbevölkerung eine größere Freizügigkeit, eine bessere rechtliche Stellung und günstigere Besitzrechte an Hof und Leihegut. Der Grundherr selbst besaß nur noch geringe Eingriffsmöglichkeiten, solange die Hörigen ihre Abgaben und Dienste fristgerecht leisteten und grundherrliches Land ohne seine Zustimmung nicht veräußerten oder den Hof vernachlässigten.

Nur noch einige Frondienste blieben erhalten, die meisten konnten mit Geld beglichen werden. So blieb Zeit zur Bearbeitung des eigenen Bodens, und die dabei anfallenden Überschüsse konnten auf den Märkten der Städte angeboten werden. Viele Bauern wurden so wohlhabend, daß sie ihre Söhne auf die Universitäten schicken konnten. Bürger und Ritter aber achteten durch Kleiderordnungen und spezielle Verbote darauf, daß sich die Landbevölkerung nicht auch noch wie die höheren Stände zu kleiden und zu bewaffnen begann. In der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters kamen die Bauern zudem stets schlecht davon. Sie wurden als Riesenkerle mit grobschlächtigen Armen, breiten Hüften und Schultern geschildert.

Ihre Augen ständen laut der Beschreibungen ihrer bürgerlichen und adligen Zeitgenossen um Handeslänge auseinander, ihre Haare wären pechschwarz und borstig, ihre breitflächigen gegerbten Wangen wären schmutzig. Angeblich stänken die Bauern bestialisch, da sie sich kaum waschen würden, hätten große Schädel, riesige plattgedrückte Nasen mit geblähten Nüstern, wulstige, rote Lippen und große, gelbe, häßliche Zähne. Außerdem wären sie aggressiv, unverschämt, geldgierig, faul, hinterlistig, mürrisch, mißtrauisch, häßlich, dumm und immer unzufrieden.

Ein Sprichwort im Mittelalter besagte: "Schlag einen Bauern, und er wird dich segnen, segne einen Bauern, und er wird dich schlagen!" (in: Barbara Tuchman, ebenda, S. 168)

Die adligen und geistlichen Herren benötigten für ihre Kriege, ihre kostbaren Kleider und opulenten Mahlzeiten jedoch weiterhin viel Geld. Die Bauern waren aber mittlerweile nicht mehr bereit, für die reichen Herren zu schuften. Denn sie hielten ihre Unfreiheit und Abhängigkeit nicht mehr für gottgewollt, wurden selbstbewußter und weigerten sich seit dem 14. Jh. aktiv in England, in Flandern, in Frankreich und in Südwest- und Mitteldeutschland, den erneuten Forderungen ihrer Grundherren nachzukommen.

Im Jahre 1323 brach deshalb in Flandern ein Bauernaufstand aus. Die Landbevölkerung wollte sich gegen den Amtsmißbrauch des gräflichen Verwalters und Steuereintreibers und gegen die Übergriffe adliger Gerichtsherren wehren, die die Steuern willkürlich eingeschätzt und ungesetzliche Gerichtsgebühren eingezogen hatten. 1328 wurde ihr aktiver Protest jedoch unter der Führung des Grafen von Flandern und des französischen Königs blutig niedergeschlagen.

Die "Jacquerie", die Revolte der nordfranzösischen Bauern, brach 1357 aus. Der Aufstand dauerte trotz der Beteiligung von Städten wie z.B. Paris nur vier Wochen. Dabei trieb die Landbevölkerung nur die pure Verzweiflung und der Hunger zu diesem Kampf. Denn der zu dieser Zeit währende Hundertjährige Krieg wurde wie üblich auf den Schultern des kleinen Mannes ausgetragen, der immer mehr besteuert wurde, um diesen Wahnsinnskrieg aufrechtzuerhalten. Die Söldner aber beraubten noch zusätzlich die Bauern, indem sie ihnen ihr letztes Saatgut, ihr letztes Stück Vieh nahmen und die landwirtschaftlichen Wagen, Werkzeuge und Pflüge zu Waffen schmiedeten.

1381 folgte der englische Bauernaufstand unter der Führung des Ziegelbrenners Wat Tyler und des niederen Geistlichen John Ball, von dem das berühmte Zitat stammt: "Als Adam grub und Eva spann, war denn da ein Edelmann?"

Auch dieser Kampf währte nur vier Wochen, von Ende Mai bis Ende Juni. Er wurde vom König und vom Adel blutig niedergeworfen. John Ball selbst wurde gerädert, gehenkt und gevierteilt.

Der Grund für diese englische Revolte war die dritte Kopfsteuer, die innerhalb von vier Jahren erhoben wurde, um die Ambitionen des Herzogs von Lancaster in Spanien finanzieren zu können. Die Bauern forderten schließlich nicht nur die Abschaffung der Kopfsteuer und aller Knechtschaft, sondern unter anderem auch den freien Zutritt zu den Wäldern. Zusätzlich verlangte Wat Tyler die Beseitigung aller Ungleichheiten in Rang und Status, die Aufteilung des kirchlichen Besitzes unter der Bevölkerung und die Abschaffung der kirchlichen Hierarchie. Immer mehr Bauern begannen sich zu fragen, ob es möglich sei, daß die Ungleichheit auf Erden gar nicht Gottes Wille ist. John Ball forderte die christliche Demokratie, die Beachtung allgemeiner Menschenrechte und die Gleichheit aller Menschen.

Auch die Bauernrevolten im deutschen Reich nahmen im Laufe des 14./15. Jhs. an Zahl, Intensität und Ausstrahlung zu.

So fanden dort im 14. Jh. vier bäuerliche Erhebungen größeren Ausmaßes, in der ersten Hälfte des 15. Jhs. 15 und in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. 25 bäuerliche Revolten statt!

Die deutschen bäuerlichen Aufstände wurden durch die zu hohen Geld- und Abgabenforderungen der Adligen bewirkt. Die Landbevölkerung konnte und wollte diese neuen grundherrlichen Bedingungen nicht erfüllen. Durch das starke Bevölkerungswachstum wurde zu Beginn des 14. Jhs. der Boden immer knapper. Die Ernährungslage der ländlichen Bevölkerung verschlechterte sich drastisch. Mißernten, Viehseuchen und katastrophale Hungersnöte z.B. von 1315 - 1317 suchten weite Teile in Europa heim. Die Preise für das Getreide stiegen unaufhörlich, so daß die hungernden Menschen sogar auf verseuchte Tiere als Nahrung zurückgriffen.

Dann folgte in der Mitte des 14. Jhs. die Pest, die die Bevölkerung so dezimierte, daß Getreide zum Spottpreis verkauft werden mußte. Dieses Mal waren hauptsächlich die Grundherren die Betroffenen. Einige Adelsherrschaften hatten von ihren bisherigen Einnahmen Verluste von 60 - 70% hinzunehmen. Deshalb versuchten die adligen Herren, falls sie sich nicht für das Raubrittertum entschieden, ihre Einnahmen dadurch zu erhöhen, daß sie längst vergessene Vorrechte wieder geltend machen und die Abhängigkeit ihrer Bauern vergrößern wollten. Besonders erfolgreich waren dabei die Grundherren in den ostelbischen Gebieten. Sie wurden die Väter der ostdeutschen Gutsherrschaft der Frühneuzeit, die bis ins 19. Jh. hinein die Agrarverfassung in Brandenburg, in Mecklenburg, in Pommern, in Ost- und Westpreußen, in Ober- und Niederlausitz und in Schlesien bestimmte. In der Gutsherrschaft gab es wieder das Gesinde, die gutsuntertänigen Bauern und die Kleinstellenbesitzer, die zu Frondiensten gezwungen wurden und persönlich völlig abhängig von ihren Gutsherren waren.

Im Südwesten des Reiches dagegen ließen sich die Bauern diese erneute "Versklavung" nicht gefallen. Sie forderten im Gegenteil bessere Rechtsverhältnisse und günstigere Lebensbedingungen. So bildete sich im Elsaß und am Oberrhein unter der Führung des Bauern Joß Fritz im Jahre 1492 der Geheimbund "Bundschuh". Und im Jahre 1514 gründeten Bauern in Württemberg einen weiteren Bund, den sie "Armer Konrad" nannten, mit dem sie sich nach dem Vorbild der Schweizer gegen die Unterdrückungsmethoden des württembergischen Herzogs wandten. Der Erfolg blieb jedoch aus. Gegenüber den schwerbewaffneten Adligen hatten die Bauern keine Chancen!

 

Der Ackerbau

Im Frühmittelalter betrieben die Bauern hauptsächlich die sogenannte Feldgraswirtschaft. Dabei wurde Weideland für begrenzte Zeit umgebrochen und zum Anbau von Roggen, Dinkel oder Hafer benutzt. Da man jedoch keinen Dünger verwendete, war der Boden nach zwei bis drei Jahren nicht mehr zu gebrauchen. Das alte Stück Land wurde dann wieder der Verwilderung überlassen und in der Nachbarschaft wurde neues Gebiet zur Ackerbenutzung gerodet.

Im Hochmittelalter gab es die Einfeld-, die Zweifelder- und die Dreifelderwirtschaft. In der Einfeldwirtschaft wurde nur eine einzige Frucht z.B. Roggen in jährlicher Wiederkehr angebaut. Um die Auslaugung des Bodens zu verhindern, wurden ihm regelmäßig Heide- und Grasplaggen, die mit Stalldung gemischt wurden, zugeführt.

In der Zweifelderwirtschaft wurde jährlich zwischen Brachlegung und Getreidenutzung gewechselt, d.h. die eine Hälfte des Ackerlandes wurde bebaut, die andere Hälfte lag brach, damit der Boden sich erholen konnte.

Am verbreitetsten war die Dreifelderwirtschaft, die zwei große Vorteile bot: Erstens wurde durch sie die Gefahr von Mißernten abgeschwächt, da auf eine vernichtende Wintersaat noch eine gute Sommersaat folgen konnte, und zweitens konnte sich der Boden durch längere Brachzeiten besser erholen und lieferte somit Ertragsverbesserungen bis zu 50%.

Die frühesten Zeugnisse für die Dreifelderwirtschaft stammen aus der Mitte des 8. Jhs. Aber erst im 12. Jh. setzte sich diese Wirtschaftsform in den meisten Dörfern durch.

In der Dreifelderwirtschaft gibt es, wie es der Name schon andeutet, drei Felder, die jährlich unterschiedlich genutzt werden.

Beobachten wir einmal zusammen einen Bauern bei seiner Felderbestellung in den Jahren 1434-1437: So bebaute er z.B. das erste Feld im Jahre 1434 mit einer Sommerfrucht, das zweite Feld mit einer Winterfrucht, und das dritte Feld blieb brach liegen. Als Sommerfrucht konnte er zwischen Hafer, Gerste, Gemüsepflanzen wie Erbsen, Bohnen und Linsen, Rispenhirse oder Ölfrüchten, die häufig mit Leguminosen gesät wurden, wählen. Als Winterfrucht standen ihm Roggen, Weizen, Dinkel oder Gerste zur Verfügung. Auf der Brache, auf der Klee angebaut worden war, trieb er das Vieh, damit es durch seinen Mist den Boden düngte.

Im Detail sah das Arbeitsprogramm z.B. auf dem erwähnten Feld 2 in den nächsten drei Jahren folgendermaßen aus:
Im Herbst des Jahres 1434 säte der Bauer auf diesem Feld Roggen als Wintergetreide. Im Juni des Jahres 1435 erntete er den Roggen und ließ das Stückchen Land als Stoppelweide bis zum April 1436 stehen, um dann auf dem Boden Hafer als Sommergetreide anzubauen, das im Juli oder August desselben Jahre geerntet werden konnte. Danach wurde das Feld wieder bis zur Mitte des nächsten Jahres als Stoppelweide benutzt. Im Juni 1437 wurde es gepflügt und lag dann noch einige Monate brach, bis es im September nochmals gepflügt und mit Wintergetreide besät wurde.

Neben dieser Dreifelderwirtschaft gab es auch noch die Vier- und Fünffelderwirtschaft, die aber nicht so oft gewählt wurden, da die Brachliegezeiten, je höher die Zahl der Felderwirtschaften wurde, um so geringer ausfielen, und damit dem Boden nicht genug Ruhe gegönnt werden konnte.

Welche Getreidesorten der Bauer auf seinem Land anbaute, hing sehr von der Beschaffenheit des Bodens ab.

Abb. 45: Dieser Mann, der sich nur noch robbend vorwärtsbewegen kann, leidet am "Feuer des heiligen Antonius". Bei dieser Krankheit handelt es sich um eine Vergiftung durch das Mutterkorn, einem Pilz, der mit seiner Wirtspflanze, dem Roggen, zusammen zu Brot verarbeitet wurde, da man im Mittelalter noch nicht in der Lage war, sie voneinander zu trennen. Beim Verzehr dieses vergifteten Brotes stellen sich Nerven- und Gefäßschädigungen ein, die schließlich zu schmerzhaften Krampfanfällen, Kontraktionen der Extremitäten, Lähmungen und Muskelschwund und zum Brandigwerden der Finger, Zehen und ganzer Gliedmaßen führen. In einigen sehr schweren Fällen werden die abfaulenden Körperteile durch Spontanamputationen vom Körper unter großen Schmerzen abgestoßen.

Im Frühmittelalter bevorzugte man Roggen, Saat-Weizen, Gerste, Saat- und Sandhafer, Dinkel, Rispenhirse, Emmer und Einkorn. Der Roggen wurde im Laufe des Mittelalters schließlich zur bevorzugten Getreidepflanze, weil er große Winterfestigkeit besaß und selbst auf mageren Böden gedieh. Leider gab es bei dieser Getreidesorte einen großen Nachteil, denn der z.T. sehr hohe Anteil an Kornrade-Samen und Mutterkorn in seinem Erntegut konnte zu erheblichen Gesundheitsschäden beim Konsumenten führen, da diese hochgiftigen Pflanzen mit den Roggenkörnern zu Brotteig verarbeitet wurden (Abb. 45).

Der Weizen, ein anspruchsvolles Getreide, benötigte dagegen fruchtbare Böden. Die Gerste dominierte jahrhundertelang im südwestdeutschen Raum, da sie wenig Ansprüche an Boden und Klima stellte.

Im 14. Jh. begannen die Bauern den zu den Knöterichgewächsen gehörigen Buchweizen anzubauen, dessen Heimat in Zentralasien zu finden ist.

Die Ernteerträge all dieser genannten Getreidesorten lagen jedoch im Mittelalter weit unter den unsrigen. Im Frühmittelalter wurde die Hälfte des geernteten Getreides gegessen, die andere Hälfte als Aussaat für das nächste Jahr verwendet. Bis zum 15. Jh. betrug der Durchschnittsertrag der Aussaat das 3,2-fache, d.h. ein eingesätes Korn brachte 3,2 Körner hervor. Heute liegt dieser Wert bei 20 - 25. Außerdem betrug die mittlere Länge der Roggenkörner damals ungefähr 4 - 6 mm, heute dagegen 8 und mehr mm!

"In Burgund erreichten Landgüter der Abtei Cluny im Erntejahr 1156 in der Relation von Einsaat und Ernte einen Ertrag von durchschnittlich 1:3 bei Weizen, 1:5 bei Roggen und 1:2,5 bei Gerste. Aus England sind für das 13. Jahrhundert Erntezahlen von 2,4 bis 3,9 bei Weizen, von 3,8 bis 4,2 bei Gerste und von 1,9 bis 2,7 bei Hafer bekannt." (in: Werner Rösener, ebenda, S. 144)

Hauptursache für den geringen Ernteertrag war der Mangel an Dünger. Der Viehdung reichte nämlich gerade für die kleinen Gärten der Bauern aus, auf denen sie die unterschiedlichsten Gemüsesorten zogen. Zwar versuchte man die Böden auf dem Ackerland durch Unterpflügen von Rasenstücken oder durch Mischen mit kalkhaltigem Mergel (ein Gemenge aus Kalk und Ton) zu verbessern, aber die Ernteerträge stiegen nur minimal.

 

Die Bewohner einer mittelalterlichen Stadt

Die Bewohner einer mittelalterlichen Stadt lassen sich grob in Bürger und Nichtbürger einteilen.

Die Bürger konnten die Freiheiten der Stadt genießen und waren z.B. von der Heerfahrt befreit. Neben vielen Rechten hatten sie auch Pflichten zu erfüllen. So war z.B. die Wehrpflicht eine allgemeine Bürgerpflicht. Im Kriegsfalle mußten sie die Stadt mit den eigenen Waffen verteidigen und in Friedenszeiten an der Stadtbefestigung mithelfen. Auch Steuern hatten sie zu zahlen und eventuelle Schulden der Stadt mit abzutragen.

Um Bürger zu werden, hatte man einen Bürgereid abzulegen, der zu bestimmten Zeiten wiederholt werden mußte, und seit der zweiten Hälfte des 12. Jhs. eine geringe Eintrittsgebühr zu zahlen. Im Laufe der Zeit kamen jedoch weitere Bedingungen hinzu. So mußte man schließlich von ehelicher Geburt sein, Haus- oder Grundbesitz oder ein Mindestvermögen vorweisen oder selbständig ein Handwerk ausüben können. Selbst die Kosten für die Aufnahmegebühr wurden immer höher und machten in vielen Städten im Spätmittelalter schließlich eine beträchtliche Summe aus. Das Bürgerrecht, in das in der Regel die Ehefrau und die unmündigen Kinder eines Bürgers eingeschlossen waren, war nicht erblich, d.h. die männlichen Kinder von Bürgern mußten ab dem 15./16. Lebensjahr selbst ihren Bürgereid leisten. In manchen Städten konnten auch die Frauen das Bürgerrecht erwerben, besaßen dann jedoch trotzdem keine politischen Rechte.

Neben den Bürgern hatten auch die "Pfahlbürger" oder "Ausbürger" das Bürgerrecht. Sie lebten außerhalb der Stadt auf dem Lande und wollten durch den Erwerb des Bürgerrechtes nur den Schutz der Stadt gewinnen und an den städtischen Vorrechten teilhaben können. In einigen Städten forderte man von ihnen, daß sie, bevor sie Bürger wurden, ein Grundstück in der Stadt erwarben und dort mindestens in der Winterszeit einige Wochen verbrachten. Außerdem mußten sie wie die Bürger Steuern zahlen und, wenn sie in der Stadt waren, Wachdienst leisten. Adlige Herren, Geistliche und Juden dagegen erhielten im allgemeinen nur selten das Bürgerrecht zugestanden.

Neben den Bürgern und Pfahlbürgern gab es noch die Nichtbürger oder "Mitwohner". In der Einwohnerschaft von Nürnberg im Jahre 1449 zählten 17583 zu den Bürgern (die Familienangehörigen wurden mitgezählt) und 1976 zu den Nichtbürgern.

Diese Nichtbürger waren nicht vermögend genug, um das Bürgerrecht erwerben zu können. Trotz alledem waren sie steuer-, wehr- und gerichtspflichtig, da sie laut der Stadtherren an der gewerblichen Arbeit in der Stadt beteiligt waren. Als Nichtbürger hatte man es schwer, städtischen Grundbesitz zu kaufen oder in einer Gilde oder in einer Zunft Aufnahme zu finden. Ebensowenig konnte man politische Rechte erlangen.

Neben den Bürgern und Nichtbürgern lebten manchmal auch Gäste in der Stadt, die weder der einen noch der anderen rechtlichen Stadtgruppe zugezählt wurden. Als Gast mußte man nämlich keine Steuern zahlen und nicht an der Stadtverteidigung mithelfen. Man durfte jedoch auch keinen städtischen Grundbesitz erwerben. Im Todesfall nahm der Rat den Besitz des betreffenden Gastes in Verwahrung. Falls sich über Jahr und Tag keine Erben meldeten, kassierten die Stadtherren zum Wohl der Stadt die Erbschaft ein.

Neben dieser vom rechtlichen Standpunkt aus gesehenen Einteilung der Stadtbevölkerung in Bürger und Nichtbürger war auch eine Gliederung nach sozialen Gesichtspunkten möglich. So konnte man die einzelnen Stadtbewohner entweder der Oberschicht, der Mittelschicht, der Unterschicht oder der Randgruppe zuordnen. Zur Oberschicht gehörten die Groß- und Fernkaufleute, die Gewandschneider, die Ministerialen, die reichen Grundbesitzer und eventuell einige Handwerksmeister und die Spitze der Gewerbetreibenden. Für all diese Personenkreise war ein hohes Einkommen, der Besitz eines großen Vermögens, die Ausübung ganz bestimmter Berufe und der Besitz von Grund und Boden gemeinsam. Nur Mitglieder dieser Oberschicht wurden mit der Stadtverwaltung beauftragt und konnten damit ihren politischen Einfluß geltend machen.

Zur Mittelschicht zählten im allgemeinen die Handwerker, die wohlhabenden Kleinhändler, Brauer, Fuhrunternehmer, Schiffer, z.T. die städtischen Angestellten wie Stadtschreiber oder Syndikus, Wundärzte, Apotheker, Baumeister, Maler, Bildschnitzer und die wohlhabenden Ackerbürger.

Die zahlenmäßig größte Schicht in den Städten stellten die Handwerker. Sie machten oft fast 50 % der Bürger aus. Aber Handwerker war nicht gleich Handwerker. Hoch angesehen waren z.B. die Goldschmiede und Kürschner, und ganz unten standen die Leineweber. Welche Berufe es in den mittelalterlichen Städten gegeben hat, soll anhand der Stadt Esslingen im Jahre 1384 gezeigt werden:
2 Apotheker, 1 Arzt, 4 Axteindreher, 117 Bäcker, 26 Bader, 56 Binder (Hausanstreicher), 7 Dachdecker, 4 Dreher, 1 Drescher, 4 Eicher, 2 Faßträger, 13 Fischer, 58 Gerber, 1 Gießer, 1 Glaser, 7 Goldschmiede, 1 Grabenmeister, 5 Hafner (Töpfer), 1 Harnischmacher, 1 Heumeister, 2 Helmschmiede, 2 Karrenspanner, 1 Käsbohrer, 1 Kessler, 15 Knechte, 5 Köche, 6 Kornmesser, 12 Kramer, 1 Kupferschmied, 21 Kürschner, 50 Küster, 4 Läufer, 10 Mägde, 5 Maler, 4 Maurer, 3 Melwer (Mehlhändler), 3 Messerschmiede, 53 Metzger, 8 Müller, 3 Näherinnen, 1 Ölschläger (Inhaber einer Ölmühle), 1 Pfannenschmied, 1 Ringdreher, 4 Säckler (stellt aus Leder Taschen, Ranzen und dgl. her), 3 Sackträger, 12 Sattler, 1 Schaffner (der Aufseher einer Wirtschaft), 1 Scharwächter (ein Nachtwächter in den Straßen), 6 Scherer (Barbiere), 27 Schmiede, 53 Schneider, 2 Schröpfer, 94 Schuhmacher, 1 Schwertmacher, 1 Seiler (stellt Taue, Schnüre, Lindenstränge und Kordeln her), 6 Spengler (Spangenmacher, später Blechschmiede und Klempner), 1 Spießmacher, 2 Sporenmacher, 13 Wächter, 9 Wagner, 24 Weber, 178 Weingärtner, 1 Weinschenk, 16 Weinzieher, 2 Wirte, 3 Wollweber, 1 Würfelmacher, 1 Zehnter (Erheber des Zehnten), 1 Ziegler (Ziegelbrenner, Backsteinmacher), 34 Zimmerleute, 1 Zöllner. 394 Frauen blieben ohne Berufsangabe. (in: Geschichte für morgen 2, Hirschgraben-Schulbuchverlag, Frankfurt am Main 19856, S. 71)

In der Blütezeit der städtischen Wirtschaft (1350 - 1470) stellten das Textil- und das Metallgewerbe rund 2/3 der Beschäftigten.

Dabei wurden die einzelnen Berufe weit aufgespalten. Also einen Schneider, der den Stoff zuschnitt, dann nähte und bestickte, eventuell Kappen oder Hüte, Pelzwaren, Männer- und Frauenkleidung anfertigte, gab es nicht. Jeder einzelne Arbeitsschritt hatte seinen eigenen Beruf zur Folge. So fand man in den Städten Tuchscherer, die nur die Stoffe zuschnitten, Seidensticker, Hutmacher, Kürschner, Flickschneider, Schneider, die nur Frauenkleider verkauften usw.

Auch im Metallgewerbe waren die Handwerker auf einzelne Produkte und Arbeitsschritte spezialisiert. Goldschmiede, Kupferschmiede, Silberschmiede, Haubenschmiede, Hufschmiede, Löffelschmiede, Messerschmiede, Nagelschmiede, Pflugschmiede, Sichelschmiede, Scherenschmiede und Waffenschmiede kamen sich somit untereinander nie ins Gehege!

Die Frauen waren meistens als Hausgehilfinnen oder Mägde in fremden Haushalten zu finden und wurden z.T. wie auch heute noch weit schlechter als ihre männlichen Kollegen bezahlt.

Viele unverheiratete Frauen waren Lohnarbeiterinnen, die hauptsächlich in der Wollweberei eine Anstellung fanden, oder als Wäscherinnen und Krämerinnen, die mit Obst, Gemüse, Butter, Hühnern, Eiern, Heringen, Mehl, Käse, Milch, Salz, Öl, Senf, Essig, Federn, Garn und anderen Waren handelten, tätig.

Auch die verheirateten Frauen hatten z.T. ebenfalls einen eigenen Beruf, der nicht unbedingt mit dem Beruf des Ehegatten identisch sein mußte. So gab es Weinhändlerinnen, Wechslerinnen, Gürtlerinnen, Eisenwarenhändlerinnen, Gewürzhändlerinnen, Brauerinnen, Bäckerinnen (besonders Feinbäckerinnen, die für Kuchen und Kekse zuständig waren), Kerzenherstellerinnen, Apothekerinnen, Abschreiberinnen, Hebammen, Krankenpflegerinnen, Bademägde, Maurerinnen, Schmiedinnen, weibliche Musikanten wie Lauten- und Zimbelschlägerinnen, Pfeiferinnen, Fiedlerinnen, Schellenträgerinnen, Pförtnerinnen, Turmwächterinnen, Zöllnerinnen, Ärztinnen, Schulmeisterinnen usw.

Zudem waren die Frauen in kleinen Holz- und Metallindustrien beschäftigt, um Nadeln, Schnallen, Ringe, Besen, Bürsten, Matten, Körbe, Holzschüsseln und Rosenkränze herzustellen, und arbeiteten in sämtlichen Herstellungsstadien der Textilproduktion als Schneiderinnen, Kürschnerinnen, Handschuhmacherinnen, Hutmacherinnen, Tuchwalkerinnen, Kämmerinnen, Nopperinnen, Bleicherinnen, Färberinnen, Gewandschneiderinnen, Garnmacherinnen, Goldspinnerinnen, Seidmacherinnen, Seidspinnerinnen, Seidenherstellerinnen.

Die Garnmacherinnen, die die Appretur des von den Garnzwirnern gezwirnten Leinengarns besorgten, und die Seidmacherinnen waren sogar in Frauenzünften organisiert. Die Goldspinnerinnen, die Blattgold und -silber für die Malerei, das Möbel- und Buchgewerbe, für die kirchlichen Gewänder und Stickereien und für die kostbaren Gewänder der Reichen herstellten, waren mit den Goldschlägern zu einer Zunft vereinigt.

Die Unterschicht, die 40 - 60% der Stadtbevölkerung ausmachen konnte, reichte von den einfachen Leuten bis zu den Bettlern. In Lübeck zählten um 1380 42% von den 22 000 - 24 000 Einwohnern zu dieser Schicht, zu der neben den armen Handwerksmeistern und Kleinkaufleuten die große Masse der beruflich Unselbständigen wie z.B. die Handwerksgesellen und -lehrlinge, die freien Tagelöhner und Hilfsarbeiter, die Hafenarbeiter und Seeleute, die Türmer, Torwächter und Nachtwächter, die Bader, Stadtpfeifer, die Dienerschaft, das Gesinde und die Bettler gehörten.

In der Randgruppe der städtischen Bevölkerung dagegen fanden sich die Personen, die wegen ihres Berufes, wegen ihrer Religion oder aus anderen Gründen am Rande der Gesellschaft standen wie z.B. der Henker und seine Gehilfen, der Hundeschinder, der Müller, der Töpfer, der Schäfer, der Ziegler, der Hirt, der Totengräber, die Dirne, die Spielleute, die Juden, die Aussätzigen, um nur einige zu nennen.