Hexen im Mittelalter

 

WAS IST HEXENKUNST?

Schlägt man im Lexikon nach, so erfährt man, dass es sich dabei um die Kunst handelt, mit magischen Mitteln etwas zu bewirken. Dabei kann die Magie in guter oder böser Absicht eingesetzt werden - als „weiße“ bzw. „schwarze“ Magie. Im Zusammenhang mit Hexen denkt man meist an letzteres. Die Vorstellung, ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten sei in der Lage, seinen Mitmenschen zu schaden, ist sei jeher überall auf dem Erdball verbreitet. Fast alle Gesellschaften glauben an die Existenz magisch begabter Personen, die ihre Kräfte zum Nutzen oder Schaden anderer einsetzen kannen.

 

Ein Zauberer der Ndebele mit einem Stachelschwein-Kopfschmuck.

 

In Europa herrschte zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert der Glaube vor, Hexen seien Mitglieder einer verschworenen Geheimgesellschaft zur Vernichtung des Christentums. Hexen waren angeblich mit bösen Mächten im Bunde und fungierten als Agenten des Teufels. Der Hexenglaube zog sich in Europa durch alle sozialen Schichten, die Ausübung von Hexerei war unter Strafe gestellt. Im 17. ]ahrhundert breitete sich der europäische Hexenwahn bis nach Nordamerika aus.


Der deutsche Begriff Hexe leitet sich vom altnordischen hagazussa ab, was so viel bedeutet wie „Zaunreiterin“. Die Hexe findet ihren Platz an den Grenzen zweier Welten. Das lateinische strix hingegen, aus dem sich das italienische strega ableitet, wurde ursprünglich für die Schleiereule verwendet, einen Nachtvogel, in dem man die verwandelte Hexe wiederzuerkennen glaubte. Der englische Begriff witch stammt von altenglischen wician für verzaubern ab. Diese Beispiele zeigen, dass die ursprünglichen Bilder der Hexe in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedliche Züge annehmen. Die „typische“ Hexe ist meistens weiblich, häufig älter, kann aber auch jung und außerordentlich schön sein. Diese Form der Hexe „bezaubert“ natürlich arme, wehrlose Männer. Um ihr böses Werk zu tun, verwandelt sie sich mitunter.

 

Diese klassisch sterotype Hexendarstellung zeigt eine alte Frau, die auf ihrem Besen ein Kind raubt.

 

Sie kann nachts durch die Lüfte reiten, während ihr Körper schlafend im Bett liegt. Daher werden Hexen so häufig mit Nachtvögeln assoziiert. Auch die Fledermaus wird als Symbol verwendet, da viele Hexen ja angeblich das Blut ihrer Opfer aussaugen. Hier wird Blut zum Sinnbild für Lebenskraft. Auf jeden Fall sind Hexen nur teils menschliche Wesen. Man bringt sie mit der Dunkelheit in Verbindung, mit der Nacht und allem, was dem menschlichen Leben schadet. So kann eine Hexe als neidischer Nachbar auftreten, aber auch als Neid selbst, denn die Macht des Bösen vermag sämtliche Formen anzunehmen, um Schaden zu bewirken. Hexerei steht für Gier, Lasterhaftigkeit, Korruption. Sie ist eng mit Sexualität verknüpft und mit dem Gefühl unerwiderter Liebe. Hexen schaden ihren Nachbarn und haben Freude an „widernatürlichen“ Praktiken. Man sagt von ihnen, sie fräßen ihre eigenen Kinder oder gar Leichen vom Friedhof. Kurz gesagt: Sie handeln zutiefst unmoralisch.

 

Hexen aller Kulturen können vor allem eines: FLIEGEN. Der klassische Hexenflug findet nachts statt.



Hexen haben übernatürliche Kräfte. Sie sind mitunter außergewöhnlich stark und besitzen genaue Kenntnis der Tier- und Pflanzenwelt.

 

Zwei Hexen beschwören einen Hagelsturm. Holzschnitt aus dem 15. Jahrhundert.

 

 

Ursprünglich war die Hexe ein Mensch, der sich übernatürliche Kräfte angeeignet hat. Wie dies geschah, war von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Die christlichen „Gelehrten“ zur Zeit des Hexenwahns gingen davon aus, dass dazu ein Pakt mit dem Teufel nötig war. In anderen Ländern aber war auch ein Pakt mit menschenfressenden Bestien möglich. Mitunter galt die magische Kunst auch als Fähigkeit, die von einem anderen Zauberer erlernt werden musste. In bestimmten Kulturen war sie erblich. Die Macht des Bösen musste nicht immer sofort wirken. Manchmal machte sie sich erst nach einiger Zeit bemerkbar.

In fast allen Gesellschaften heißt es, man könne Hexen an bestimmten Merkmalen erkennen: Einem roten Auge zum Beispiel, einer Art Teufelsmal, an der Tatsache, dass sie eine Schlange im Bauch tragen oder irgendwie mit „Hexensubstanz“ verseucht seien. Ein exakter Unterschied zwischen Hexerei und Zauberei lässt sich nicht feststellen. Auch die Zauberei wird mit schwarzer Magie assoziiert, mit Verwünschungen und anderem Schadenszauber. Manche Anthropologen gehen davon aus, dass man annahm, der Zauberer schade bewusst, die Hexe hingegen nicht.


 

Ein Hexensabbat: Dunkelheit, Tod, Menschenfresserei und Nacktheit.

 

HEXEN IN EUROPA

Auch im Europa der Frühzeit gehörte die Hexerei zum Alltag der Menschen. Wenn ein Unglück geschah, eine Kuh starb oder die Butter nicht fest werden wollte, dann war ganz sicher eine Hexe daran beteiligt. Die Menschen sahen sich dann meist in der Nachbarschaft um, um herauszufinden, wer die Schuld am Übel trug. Von der Mitte des 15. bis in die Mitte des 17. ]ahrhunderts hinein führte diese Voreingenommenheit zu grausamen Verfolgungen. Die christliche Kirche ging damals davon aus, dass Hexen Teil einer Verschwörung zur Beseitigung des Christentums waren. Man schrieb ihnen alle Arten von negativ behafteten Handlungen zu, vom Kindesraub bis zum Verzaubern bislang treuer Ehemänner. Als Hexen Verurteilte wurden vor Gericht gestellt und – von wenigen Ausnahmen abgesehen – umgebracht.
 

Die drei Hexen aus Shakespeares Macbeth beim Wirken böser Beschwörungen.

 

Der Volksglaube

Die Hexerei ist fester Bestandteil eines magischen Weltbilds, das das Universum von unsichtbaren Kräften durchzogen sah, die man sich in guter oder böser Absicht zunutze machen konnte. Geister sind in dieser Welt genauso alltäglich wie Menschen, die sie sich dienstbar machen. In Europa blieb dieses Weltbild gültig bis ins 18. Jahrhundert hinein. Die Bewegung der Aufklärung dafür sorgte, dass den dunklen Seiten des Glaubens, dem Aberglauben, der Boden entzogen wurde. Die rationelle, auf den Erwerb von Wissen ausgerichtete Denkweise der Aufklärung veränderte die Glaubensgrundlagen der Menschen zutiefst: Wissen konnte man nicht durch göttliche Eingebung, sondern nur durch systematische Untersuchung und Erkenntnis gewinnen.

 

Kit's Coty ein Hünengrab in England, soll von Hexen errichtet worden sein.

 

Magie galt jetzt als finsterer Aberglaube, der auf schierer Unwissenheit beruhte. Vorstellungen von Hexen, Hexenkunst, Zauberern und Magierinnen sind aber im europäischen Volksglauben fest verwurzelt. Dies zeigt sich auch in dem magischen Volk, das Mythen und Märchen bevölkert: Elfen, Kobolde, Feen und Gnome. Diese Ideen halten sich mitunter bis heute. So heißt es vom Kit's Coty, einem Hünengrab in englischen Kent noch heute, es sei von vier Hexen errichtet worden. Auch die Rollright Stones in Oxfordshire, England, haben ihre Legende: Ein unbedeutender Stammesfürst und seine Ritter waren drauf und dran, in den Krieg zu ziehen, da ihm prophezeit worden war, wenn er einen „Long Compton“ genannten Ort erreiche, würde er König von ganz England werden. Als er aber mit seinen Männern einen Hügel hinaufzog, traf er dort auf eine alte Frau, die der König beleidigte. Daraufhin verwandelte sie ihn und seine Männer in Steine.

Eine sehr ähnliche Legende lieferte Shakespeare den Stoff für seinen Macbeth. Shakespeare schrieb sein Drama zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Drei Hexen spielen darin eine wichtige Rolle. So, wie Shakespeare die „Unheilsschwesten“ darstellt, dürfte wohl der Vorstellung einer Hexe zu jener Zeit entsprochen haben. Sie lebten isoliert von der Gemeinschaft, waren hässlich und verhielten sich merkwürdig. Mitunter nahmen sie sogar nicht menschliche Formen an. Sie übten zwar Macht aus, konnten dies jedoch nur auf ihrem Terrain tun. Macbeth, der König werden will, kommt zu ihnen, nicht umgekehrt. Die Schwestern sind in der Nacht tätig, versammeln sich um eine Feuerstelle, wo sie ihre Pläne aushecken. Sie murmeln Zaubersprüche und brauen in einem Kessel aus abscheulichen Zutaten einen Trank. Und natürlich sind sie Anhängerinnen der Hekate, die bereits seit der Antike als Königin der Hexen gilt (Übersetzung von Schlegel/Tieck).

 



Dritte Hexe:
Woljeszahnund Kamm des Drachen,
Hexenmumie, Gaum' und Rachen
Aus des Haifischs scharfem Schlund;
Schierlingswurz aus finstrem Grund;
Auch des Lästeljuden Lunge,
Türkennas: Tatarenzunge;
Eibenreis, vom Stamm gerissen
In des Mondes Finsternissen;
Hand des neugeborenen Knaben,
Den die Metz' erwürgt im Graben,
Dich soll nun der Kessel haben.
Tigereingeweid' hinein,
Und der Brei wird fertig sein.

 

Alle:
Spart am Werk nicht Fleiß noch Mühe
Feuer sprühe, Kessel glühe!

Zweite Hexe:
Abgekühlt mit Paviansblut,
Wird der Zauber stark und gut.

Hekate kommt:
So recht! Ich lobe euer Walten;
Jede soll auch Lohn erhalten.
Um den Kessel tanzt und springt,
Elfen gleich den Kreis nun schlingt,
Und den Zaubersegen singt.

Als Herrin der Hexen ist Hekate der Inbegriff des Bösen in der klassischen Welt. Sie wird bei allen schwarzmagischen Riten angerufen. Hier ist sie die Antithese des Guten, die den Plan spinnt, der Macbeth schließlich Verderben bringt.

 

Märchen und Sagen

 

Hänsel und Gretel vor dem Hexenhaus.

 

Auch die Welt der Märchen ist von Hexen bevölkert. Meist sind es alte, böshafte Weiber, die von den unschuldigen Helden oder Heldinnen besiegt werden müssen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die deutsche Geschichte von Hänsel und Gretel. Beide sind Kinder eines armen Holzhauers. Als der Mann seine Familie nicht mehr ernähren kann, überredet seine zweite Frau – die Stiefmutter als Inkarnation des Bösen – ihn, die Kinder in den Wald zu bringen. Die Kinder verlieren sich im Wald, bis sie an ein aus Lebkuchen gebautes Häuschen kommen, wo sie eine alte Frau in die warme Hütte einlädt. Am folgenden Morgen sperrt sie Hänsel in einen Käfig und zwingt Gretel, für sie zu arbeiten. Hänsel soll gemästet werden, damit die Hexe ihn irgendwann fressen kann, doch der kluge Junge hält statt seines Fingers stets einen Knochen durch die Gitterstäbe. Das halbblinde Weib merkt zunächst den Betrug nicht bis sie beschließt, den Jungen doch zu fressen. Gretel heizt den großen Ofen an und bringt die Hexe durch einen Trick dazu, hineinzusteigen. Dann verriegelt sie die Tür, sodass die Hexe verbrennt. Die beiden Kinder kehren nach Hause zurück, wo die Stiefmutter gestorben ist und der Vater sie willkommen heißt.

Sehr deutlich wird hier, wie sehr der Hexenglaube an das weibliche Geschlecht gebunden ist. Außerdem wird eine Übereinstimmung von Hexe und böser Stiefmutter suggeriert, was wiederum auf die Fähigkeit der Hexen hinweisen soll, zur selben Zeit an verschiedenen Orten sein zu können.
 

Macbeth trifft auf die drei Hexen, die ihm prophezeien, dass er König von Schottland wird.
 

 

DIE URSPRÜNGE DER EUROPÄISCHEN TRADITION

 

Welchem Gedankengut aber entsprang nun die Vorstellung von der Hexe als Schadenszauberin, die sich auf geradezu epidemische Weise ausbreitete und zu den berüchtigten Hexenverfolgungen führte? Verschiedene Forscher machten dafür den Aberglauben und die Leichtgläubigkeit der Bauern dieser Epochen verantwortlich. Manche sahen Ausbrüche weiblicher Gruppenhysterie als Grundlage für die Hexenverfolgungen. Einzig Carlo Ginzburg, ein italienischer Kulturanthropologe, suchte die Ursprünge im Volksglauben jener Zeit: In Italien erregten damals die benandanti großes Aufsehen, in Norditalien ansässige Menschen, die behaupteten, nachts als Zauberer unterwegs zu sein und böswillige Magier zu bekämpfen, um ihre Gemeinschaft vor deren Einfluss zu schützen. Andere Beispiele aus Europa unterstützten Ginzburgs These. So gab es in Slowenien die kresniks und in Ungarn die taltos. Daher beschrieb Ginzburg das Verhalten der weißmagischen Zauberer als Überbleibsel eines schamanistischen Weltbilds.

 

 

Hexen und ihre Hausgeister auf einer Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.


Carlo Ginzburg erforschte die Dokumente der Inquisition in Bezug auf die benandanti, die „Wahlfahrenden“. Sie traten zwischen 1575 und der Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem im Friaul, im Nordosten Italiens, auf. Ihre Hauptaufgabe war es, mit magischen Mitteln die Hexen zu bekämpfen, die ihren Gemeinschaften Schaden zufügen wollen. Darüber hinaus widmeten sie sich der Entlarvung von Hexen und der Heilung von verhexten Personen. Vier Mal im Jahr fielen sie in Trance. Ihre SeeIe verließ den Körper, woraufhin sie - mit Fenchelzweigen bewaffnet - auszogen, um mit den bösen, mit Hirsestängeln kämpfenden Hexen um die Fruchtbarkeit ihrer Felder zu streiten. Der Geist der leblos daliegenden benandanti nahm häufig auch die Form von Mäusen oder Schmetterlingen an. Mitunter ritten sie auf Katzen oder Kaninchen in die große Schlacht. Als benandante musste man geboren werden. Erkennen konnte man sie, weil bei ihrer Geburt ein Teil der Fruchtblase wie eine Haube auf dem Kopf des Säuglings hängen blieb. Gewöhnlich ließen die Eltern ihr Kind mit der Fruchtblase taufen und bewahrten die Membran auf. Manchmal hängte man die „Glückshaube“ dem Kind um den Hals. Mit etwa 20 Jahren empfing der zukünftige Weißmagier während einer visionären Reise seine Einweihung, während der ihm oder ihr Engel bzw. andere gute Zauberer erschienen. Sie schlugen eine Trommel und holten den Kandidaten zur Versammlung der benandanti ab.
 

Hexensabbat: nächtlicher Flug zum
Leichenschmaus mit den Dämonen.

 

Der Hexensabbat, wie der Inquisitor ihn sah: Bevölkert von schönen Frauen.


 

Die Inquisitoren standen vor einem Rätsel, da die benandanti zwar einesteils Riten durchführten, wie sie aus dem Kontext der Hexenverfolgung bekannt waren, andererseits sich aber nicht von dem Glauben abbringen ließen, für Gott und Christus zu streiten. So versuchten die Inquisitoren die Befragten zu negativen Vergleichen zu verleiten, legten ihnen nahe, dass ihre Versammlungen doch wohl dem Hexensabbat glichen und ähnliche Dinge. Der Hexensabbat tritt in den Inquisitionsprotokollen erst relativ spät auf und trägt stereotype Züge: Gewöhnlich trafen sich dabei weibliche Hexen, die auf ihrem Besen durch die Nacht zum Treffpunkt ritten. Dieser nächtliche Flug wurde mit einer Hexensalbe möglich, deren Hauptbestandteil Kinderfett war. Beim ersten Sabbat musste eine Hexe dem christlichen Glauben abschwören, die Sakramente entweihen und dem Teufel Tribut zollen. Außerdem wurde am Hexensabbat geschlemmt, getanzt und Orgien gefeiert.


 

Die Kresniks

In späteren Forschungsarbeiten ging Ginzburg ähnlichen Phänomenen in Slowenien und Istrien nach. Die kresniks kamen ebenso wie die benandanti mit einem Rest der Fruchtblase auf dem Kopf zur Welt. Auch sie kämpften gegen Hexen und nahmen dabei die Form von Hunden, Pferden oder Riesen an. Manchmal verfielen die Betreffenden auch in tiefen Schlaf, worauf eine dicke Fliege aus ihrem Hals kam und sich zu einer magischen Schlacht aufmachte, die häufig an Kreuzungen oder gar über dem Markusplatz in Venedig stattfand. Jeder Familienclan hatte zwei kresniks, einen guten und einen bösen. Sie konnten die Form jedes Tieres annehmen, traten aber meist als Ziegenbock, Pferd oder Ochse an. Der natürliche Feind des kresniks war der vucodlak oder Werwolf, ein Mensch, der sich auf seinen Seelenreisen in einen Wolf verwandelte. Der Kampf der kresniks gegen die vucodlaks galt aber nicht als Kampf zwischen Gut und Böse, sondern vielmehr als Schlacht zwischen verschiedenen Clans.

 

Weniger erotisch war die klassische alte
Hexe. Hier Mutter Chattox, die berühmte
Hexe von Lancashire, die mit einer Schulerin
zum Pendle Hill reitet, einem bekannten
Hexentreffpunkt.

 

HEXEN IM MITTELALTER UND IN DER NEUZEIT
 

Die ]ahre von 1450 bis 1750 bezeichnet man als Neuzeit. Um diese Zeit etwa ließ die Kirche in Europa ihre Idee der Hexerei verbreiten. Magie hatte im Mittelalter, also in den 1000 ]ahren vor der Neuzeit, noch zu den alltäglichen Erscheinungen gehört. In gewisser Weise standen Hexen aber schon immer außerhalb der sozialen Gemeinschaft. Jetzt aber waren sie - den Theologen zufolge – auch noch mit dem Teufel im Bunde und führten vielerlei grausame und unberechenbare Handlungen aus, die man bislang nur Häretikern und Ketzern zuschrieb.

Die Verfolgten jener Zeit waren vermutlich einfache Männer und Frauen, einige von ihnen übten wahrscheinlich eine volkstümliche Heilkunde aus, was sie als außergewöhnliche Menschen erscheinen ließ. Die Unterscheidung zwischen Hexe und Heilerin war niemals völlig klar. In den Augen von Kirche und Justiz aber hatte jemand, der heilen konnte, sicherlich auch die Macht, anderen zu schaden.


 

ENTWICKLUNG DER HEXENKUNST

 

Zwischen dem 15.und dem 18. ]ahrhundert nahm in Europa die seit dem Altertum bekannte Figur der Hexe einen völlig neuen Charakter an. Spezifisch christliche Glaubensvorstellungen überlagerten das alte Bild. Das christliche Weltbild teilt die Welt seit jeher in Gut und Böse auf: Gott ist die höchste Verkörperung des Guten, während Satan die Personifikation des Bösen darstellt. Hexen, Zauberer und Magierinnen folgten nun angeblich dem Teufel, um von ihm satanische Kräfte zu erlangen. So wurde die Vorstellung, die sich das Europa der Neuzeit von den Hexen machte, wesentlich vom Christentum geprägt.

 


Die Helfergeister führten für ihre Herrinnen,
die Hexen, Befehle aus. Sie stellten auch den
Kontakt mit Satan her.

 

Seit der Hochzeit des Mittelalters hatte sich nahezu im gesamten Europa ein vergleichsweise toleranter Umgang mit Magie, Zauberei und Hexerei eingebürgert. Im Laufe des 15. ]ahrhunderts aber bildete sich bei der Bevölkerung eine diffuse Angst vor den „magisch Begabten“ heraus, die von der Kirche kräftig geschürt wurde. Während der Neuzeit lebten die Menschen in England und Kontinentaleuropa zumeist in kleinen Dörfern und Städten. Ihre Hauptsorge war die tägliche Nahrungsbeschaffung. Die Gesellschaft war straff gegliedert; ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung fristete ein Dasein am Existenzminimum. Armut, Krankheit und Katastrophen wie Epidemien, Ernteausfälle und häufige Hungersnöte gehörten zum Alltag. Die Menschen machten sich also Sorgen wegen der Auswirkungen der Hexerei auf ihr Leben. Woher die Macht der Hexen kam, war ihnen dagegen eher gleichgültig. Dies war nur für die kirchlichen Autoritäten von Interesse.


 

Hexen wurden häufig der Lüsternheit bezichtigt. Angeblich waren sie bei Versammlungen nackt.

 

Einige Anthropologen vergleichen die Entwicklung der Hexerei in Europa mit der in Afrika. Der Völkerkundler Edward Evans-Pritchard sowie die Historiker Keith Thomas und Alan Macfarlane gehören zu jenen, die für einen Dialog zwischen ihren Fächern eintreten. So fand Macfarlane bei seiner Studie über den Hexenglauben im Essex (England) des 15. bis 17.]ahrhunderts heraus, dass Anschuldigungen mit dem Vorwurf der Hexerei bei den Dörflern etwas durchaus Normales waren. Die Anklagen spiegeln die Sorgen und Nöte der Landbevölkerung wider. Hexerei wurde bemüht, um die Wechselfälle des Lebens zu erklären: Verweigerte ein Neugeborenes die Mutterbrust, so musste es verhext warden sein. Wenn ein Kind krank wurde oder die Nutztiere eines Bauern starben, dann suchten die Menschen den Schuldigen.

Die angeblichen Opfer der Hexerei waren meist Nachbarn der „Hexen“. Angeklagt wurden in erster Linie arme, alleinstehende Frauen. Die Anklagen folgten häufig auf ein verweigertes Almosen hin. So erhob am 31. Dezember 1649 der Kleinbauer Henry Cockcrofte in Heptonstall, Yorkshire, vor dem Friedensrichter Anklage gegen eine gewisse Elizabeth Crossley. Als Crossley an seiner Tür um Almosen gebettelt hatte, hatte seine Frau ihr zwar etwas gegeben, doch offenkundig war die Dame damit nicht zufrieden gewesen.

In derselben Nacht wurde plötzlich Cockcroftes’ Sohn krank, der noch in den Windeln lag. Kurzzeitig erholte er sich wieder, starb dann aber doch. Cockcrofte bezichtigte zuerst eine andere Frau, Mary Midgely, der Hexerei. Diese gestand zwar, eine Hexe zu sein, bestritt aber, Cockcroftes Kind getötet zu haben. Stattdessen beschuldigte sie Elizabeth Crossley, deren Tochter und eine dritte Frau. Cockcroftes’ Entschluss, mit der Sache vor den Friedensrichter zu treten, bewog auch andere Dorfbewohner, Anklage gegen Mary Midgely zu erheben. So berichtet Richard Wood, wie Midgely seine Frau an der Tür um Wolle gebeten habe. Seine Frau habe sich geweigert, da sie ihr vor drei Wochen Wolle gegeben und der Alten Milch angeboten habe. Doch Midgely sei nur wütend abgezogen. Danach sei Woods Vieh auf geheimnisvolle Weise erkrankt.

 

 

Der Teufel rief die Hexen zum Sabbat zusammen und kam selbst zu den Versammlungen.
 

Hexen hatten Helfer aus dem Tierreich, die
sie bei ihrem Tun unterstützten.

 

Ähnliche Fälle lassen sich dem Anthropologen Evans-Pritchard zufolge auch in Afrika nachweisen. In beiden Fällen diente die Anklage der Hexerei dazu, eine Erklärung für ein Ereignis zu finden, das nach damaligen Maßstaben unerklärlich war. Der Hexenglaube trug entscheidend dazu bei, dass sich in einer Zeit, in der sich soziale und wirtschaftliche Bindungen zunehmend auflösten, die traditionellen Verpflichtungen guter Nachbarschaft weiterhin durchsetzten.

 

 

HEXEN IM VOLKSGLAUBEN

 

Für den gewöhnlichen Sterblichen der europäischen Neuzeit waren Magie und Hexerei fester Bestandteil des Alltags. Doch bereits im ausgehenden Mittelalter begann die Kirche ein Hexenbild zu verbreiten, das von Satan geprägt war. Diese Art der Hexe hatte sich angeblich die Zerstörung des christlichen Glaubens zum Ziel gesetzt. Mit der Zeit setzte das neue Hexenbild sich immer mehr durch und vermischte sich mit den Hexen-Vorstellungen, die vom klassischen Altertum überliefert sind. Allerdings gab es ein unfehlbares Mittel gegen Hexerei - magische Amulette. Magier, Zauberer und „Weise“ bevölkerten die Dörfer und boten ihre Dienste an, um Hexen zu identifizieren. Sie suchten auch nach verlorenen Gegenständen, sagten die Zukunft voraus und verteilten Heilmittel für vielerlei Krankheiten.

 

 

So gesittet wie hier ging es in den Kirchen
der Neuzeit nicht zu.

 

Im Europa der frühen Neuzeit hatte das Christentum sich noch immer nicht vollständig durchgesetzt. Der alte Volksglaube erwies sich letztlich als hartnäckig, auch wenn er sozusagen „in den Untergrund“ abtauchte. Der Historiker Keith Thomas, der sich mit den Glaubensvorstellungen der Engländer im fraglichen Zeitraum beschäftigt, ist der Auffassung, dass das Christentum hier nie vollständig akzeptiert wurde. Obwohl nur wenige Menschen kirchliche Riten wie Taufe, Eheschließung und Beerdigung ablehnten, entzogen sich gerade arme Menschen dem spirituellen Zugriff der Kirche. Auch die heilige Messe darf man sich keineswegs so feierlich vorstellen, wie sie heute abläuft. Thomas schreibt: „Die Mitglieder der Gemeinde balgten sich um Sitzplätze, drängten ihre Nachbarn von der Bank, husteten und spuckten, strickten, machten derbe Bemerkungen, erzählten Witze oder schliefen.“ Trotz oder wegen ihrer mangelnden Christianisierung glaubten gerade die armen Leute fest an die Hexerei. Und sie nutzten magische Mittel, um sich vor ihr zu schützen.

 

Eine Hexe wirkt ihren Zauber mit einem magischen Buch, Kräutern, einem Schädel und einer Räucherschale.



 

Vorkehrungen gegen Hexen
 

Es gab durchaus Möglichkeiten, das Opfer vor dem Angriff einer Hexe zu schützen. Und auch wenn der Schadenszauber bereits erfolgt war, konnte man ihn immer noch mit einem Gegenzauber wieder abwenden. Oder man machte die Hexe ausfindig, die einem schaden wollte und zwang sie dazu, ihren Zauber zurückzunehmen. Zu den Vorkehrungen gegen Schadenszauber zählte zunächst einmal ein Lebenswandel, der einer Hexe keine Angriffsfläche bieten würde. Auch konnte man eine „hexenverseuchte“ Gegend verlassen und dafür sorgen, dass Hexen nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft lebten. Manche Autoren raten zu Freundlichkeit gegenüber angeblichen Hexen, da man sie so wohlgeneigt stimmen würde.

 

Zu den magischen Fahigkeiten der Hexen gchbrte es, einen Axtstiel "melken" zu können.
Holzschnitt von 1517.

 

 

 

Eine Hexenpuppe, an der ein
geschriebener Fluch befestigt ist.

 

Soziale Sanktionen

 

Die Angst vor dem Verhextwerden sorgte generell für einen freundlicheren Umgang der Nachbarn miteinander. Andererseits konnte eine vermeintliche Hexe natürlich auch schnell ins soziale Abseits geraten, da man von einer Hexe nicht borgen oder mit ihr sprechen sollte, gab ihr dies doch Gelegenheit, ihren Zauber anzuwenden. Das Geschenk einer Hexe brachte angeblich Unglück. 1617 verfasste der Puritaner Thomas Cooper sein Werk über die Geheimnisse der Hexerei und warnte seine Leser ausdrücklich davor, Hexen Almosen zu geben: „Sei weise in der Großzügigkeit und beim Almosengebe. Gib nicht jedem Armen, denn häufig sind Hexen darunter... Hast du Verdacht geschöpft, so geh der Person aus dem Weg. Sei streng mit ihr. Dulde sie nicht in deinem Haus. Ernähre sie nicht von deinem Tische.“

Sah man eine Hexe um das Haus streichen, musste man sie sofort hinausweisen, denn sie konnte magische Gegenstände auf der Schwelle verstecken. Auch zum Bettstroh durfte die Hexe keinesfalls Zugang erhalten, denn dies war ein beliebter Ort, um einen Schadenszauber zu wirken.

 

 

Eine moderne Form der berühmten
"Lochsteine", die als Amulette gegen
Schadenszauber dienten.

 

 

Magische Objekte


 

Gegen den Zauber der Hexen schützte man sich mit Zaubersprüchen, magischen Gesten und Objekten. Man trug zum Beispiel eine winzig kleine Abschrift des 1. Kapitels des Johannesevangeliums in einem Säckchen um den Hals, was besonders wirkungsvoll war, wenn Frauen unter den Einfluss des Feenreiches geraten waren. Pflanzen, Wurzeln und geweihte Objekte dienten ebenfalls als Schutzamulette. Lochsteine, Salz, Hostien, Weihwasser und Kreuze schützten ihre Träger vor Zauberei.

 

HEXEN UND HAUSGEISTER

 

Hexen hatten angeblich immer ihre Helfergeister bei sich, meist in Form von Tieren. Diese Hausgeister unterstützten die Hexe bei ihrem magischen Tun und verlangten dafür im Gegenzug Milch oder manchmal gar das Blut der Hexe. Auch die "kundigen" Männer und Frauen hatten ihre eigenen Helfer, die sie bei ihren Aufgaben unterstützten. Der Ursprung dieser Gestalten ist vermutlich im Glauben an die Naturgeister zu suchen - Zwerge, Elfen, Feen und Kobolde. Geht man jedoch noch weiter in der Geschichte zurück, gelangt man unweigerlich bei frühen Formen des Schamanismus an. Auch der Schamane hat gewöhnlich einen tierischen Helfer.

Die Vorstellung, Hexen hätten tierische Helfer, wurde im 16. Jahrhundert mithilfe der damals üblichen Flugschriften verbreitet, die die Bevölkerung über alles Neue informieren sollten. In der ersten Flugschrift, die in England solch einen Hausgeist beschrieb, berichtete Elizabeth Francis, ihre Großmutter habe ihr schon im Alter von 12 Jahren eine Katze als Helfergeist geschenkt. Die Katze, die sie Satan nannte, sprach mit ihr, brachte ihr Schafe und auch einen Liebhaber. Als dieser sich weigerte, sie zur Frau zu nehmen, gab sie der Katze den Auftrag, ihn zu töten, was ihr angeblich auch gelang. Eine andere Flugschrift, die 1582 in Essex veröffentlicht wurde, stellte die Helfergeister als gewöhnliche Haustiere dar, die Namen trligen wie Jack, Robin oder Tyffin. Ein achtjahriges Mädchen erzählte, ihre Stiefmutter hielte ihre Hausgeister in einem mit Leinen bedeckten Tontopf und füttere sie mit Milch von einem schwarzen Teller. In Essex gestand im 16. Jahrhundert eine Frau, die der Hexerei angeklagt war, sie hane drei Mäuse-Hausgeister mit Namen Littleman, Prettyman und Daynty. Eine andere Frau hatte vier Mäuse namens Prickeare, James, Robyn und Sparrow. Wieder eine andere berichtete von fünf Hausgeistern: einem Kätzchen namens Holt, einem fetten Spaniel ohne Beine namens Jamara,

Eine schwarze Katze, ein Molch und eine Schlange dienten den Hexen als Hauskeister.

 

 

Quelle: "HEXEN IM MITTELALTER"

von Susan Greenwood